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| Neues Deutschland, 21.11.2005 |
Eine Seilschaft im Tongebirge
Mit Heimatliedern will ein Dresdner Bergsteigerchor linke Traditionen pflegen
Von Hendrik Lasch
140 Männer singen im Dresdner Bergsteigerchor "Kurt Schlosser" den Gipfeln entgegen. Sie berufen sich auf das Erbe der "Roten Bergsteiger" – auch wenn manche Tradition heute nur im Pianissimo gepflegt wird.
"Wir wollen singen!", schallt es aus der Bariton-Abteilung. Stühle scharren, Papier raschelt, dann haut jemand in die Tasten des schwarzen Flügels. Gut 100 Männer, die sich an diesem Dienstag in einem Probenraum des Dresdner Kulturpalastes drängen, erheben sich. Köpfe zirkeln, Schultern kreisen, dann hebt ein Summen an, das vibrierend den Raum zu füllen beginnt. Der Zuhörer fühlt sich an die Donkosaken erinnert, der Dirigent an einen lustlosen Schulchor. Die Bässe klängen zu gepresst, befindet er: "Ihr müsst durch die Augen singen!"
Das tun die Männer, so gut sie das in der Enge des Probenraums können. Die Augen heften sich an bräunliche Holzpaneele, derweil die Stimmen ein Tongebirge errichten: "Bei der Linde sank die Sonne", singen sie, und statt des kalten Neonweiß’ scheint für einen Moment goldenes Herbstlicht in den Raum zu fallen. Aber kaum haben die Männer auch Birkenwäldchen und Tannenkronen beschworen, fährt der Chorleiter wieder dazwischen. Es wird nicht kräftig genug artikuliert. "Das Wort heißt ›Traum‹", erklärt er und demonstriert den sächsischen Sängern, was er unter einem harten Anlaut versteht: "Der kann ruhig feucht werden." Kaum hat das bubenhafte Kichern die Zwerchfelle gelockert, drängt Dirigent Axel Langmann weiter durch das Repertoire. Schonung gibt es nicht für die Sänger; wer geistesabwesend in Noten blättert oder Nachdruck in der Stimme vermissen lässt, wird streng zur Ordnung gerufen. Zwei Proben gibt es für den Bergsteigerchor "Kurt Schlosser" noch bis zum jährlichen Höhepunkt: zwei Konzerten, die regelmäßig Ende November den Dresdner Kulturpalast bis auf den letzten Platz füllen. Zweimal 2700 Zuhörer werden dem renommierten Chor lauschen – und bei allem Wohlwollen auch aufmerksam registrieren, ob die Männer beim stimmlichen Sturm auf die Gipfel Unsicherheiten zeigen. Also gibt Langmann den Zuchtmeister. "Denkt nicht an eure Lungen", befiehlt er den Männern: "Atmen macht bloß die Luft schlecht."
Die Jahreskonzerte des Bergsteigerchores sind ein Phänomen. Das hat auch Daniel Pastewski festgestellt. Als jüngstes Chormitglied hat er im vergangenen Herbst zum ersten Mal auf der Bühne des Kulturpalastes gestanden – und war von der Kulisse und der knisternden Erwartung im Saal beeindruckt. Auch gestandene Sänger scheinen von derlei emotionalen Wallungen nicht verschont zu bleiben. Manchem Solisten würden bei den Auftritten im Kulturpalast die Knie weich, heißt es. Umgekehrt gibt es Zuhörer, die sich bei manchen Liedern nur mühsam die Tränen verdrücken können. "Wir machen", sagt Pastewski, "die Leute offenbar glücklich."
Ein Grund dafür ist, dass es der Chor – obwohl die Sänger allesamt Laien sind und nur einmal wöchentlich proben können – in der Kunst des Männer-Satzgesangs zu einem hohen Grad an Perfektion gebracht hat. In ihrer Interpretation des russischen Volkslieds "Vetscherny swon" etwa bringen die Männer mit purer Stimmkraft ein ganzes Kirchengeläut zum Klingen: kleine Glöckchen, die aufgeregt bimmeln, und gewaltige Glocken, die sonor rollen. Pastewski hält eine der wuchtigsten Glocken am Schwingen: Der Schüler singt im 2. Bass – in einer Tiefe, in die Sängerkollegen nach eigener Aussage "nicht einmal mit der Leiter kommen". Nicht nur stimmlich stellt der Schüler im Chor eine Ausnahme dar. Auch in seiner Altersklasse ist er allein auf weiter Flur. Männerchöre sind eine Domäne älterer Herren; das Volks- und Heimatlied, das auch der Dresdner Chor pflegt, hat ein angestaubtes Image. Das Durchschnittsalter im Chor beträgt folgerichtig 61 Jahre. Pastewski ist gerade einmal 16. Ein typischer Teenager ist er nicht. Nach der Schule hört er russische Männerchöre, am Computer gibt er Noten ein, als Berufswunsch nennt er "Opernsolist". Das Singen sei "eine Art Besessenheit", sagt er; der Chor ist der Ort, an dem er sie ausleben kann. Bergsteiger wie viele seiner älteren Sangesfreunde ist er nicht. Immerhin: Mit der Tradition des Chores hat er sich einmal für die Schule befasst. Im Geschichtsunterricht der 9. Klasse wurde der Widerstandskampf gegen den Nationalsozialismus behandelt. Pastewski hat sein Thema in der Musik gefunden: Die "Roten Bergsteiger" und ihr Chor.
Für nicht wenige der Zuhörer, die morgen wieder den Dresdner Kulturpalast füllen werden, ist die Tradition des Chores im politischen Widerstand nicht der geringste Grund, warum sie dessen Konzerte besuchen. Gute Chöre gibt es einige. Der Bergsteigerchor "Kurt Schlosser"“ aber repräsentiert ein Stück proletarischer Kulturgeschichte. Gegründet wurde er im Jahr 1927 als "Gesangsabteilung" der "Naturfreunde – Vereinigte Kletterabteilung Sachsen" – quasi eine singende Seilschaft. Viele Mitglieder waren durch und durch politisch, nicht wenige Kommunisten. Ab 1930 gehörte das Ensemble zur "Kampfgemeinschaft Rote Sporteinheit". Drei Jahre später war der Chor verboten; viele Mitglieder leisteten illegalen Widerstand gegen das NS-Regime. Chroniken erinnern an eine legendäre Höhle am "Satanskopf" in der Sächsischen Schweiz, in der Chormitglieder Flugblätter druckten; die Kletterer schmuggelten politische Schriften über die Grenze und geleiteten bedrohte Gefährten in die benachbarte Tschechoslowakei. Viele der "Roten Bergsteiger", deren politisches Engagement auch ein Hauch von Abenteurertum umweht, zahlten einen hohen Preis. Mindestens 47 Chormitglieder wurden inhaftiert, 18 bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben. Unter ihnen war Kurt Schlosser, ein Tischler, der den Chor bis zum Verbot geleitet hatte und am 16. August 1944 in der Hinrichtungsstätte am Münchner Platz in Dresden ermordet wurde.
Als der Chor nach dem Krieg wiedergegründet wurde, sorgte neben dem hohen künstlerischen Anspruch nicht zuletzt diese Tradition für seine Prominenz. In der Geschichte des Ensembles, das seit 1949 nach Kurt Schlosser benannt ist, verbänden sich "die Traditionen der Arbeiterkulturbewegung, des antifaschistischen Widerstands mit künstlerischer, gesellschaftlicher und sportlicher Wirksamkeit für den Sozialismus", heißt es im Vorwort eines Buches, das 1987 anlässlich des 60-jährigen Chorjubiläums erschien und heute nur noch mit einem erläuternden Beiblatt verteilt wird.
Die Chronik verzeichnet neben Tourneen in die Sowjetunion oder nach Bulgarien auch Auftritte in der Bundesrepublik, daneben zahlreiche Auszeichnungen vom Vaterländischen Verdienstorden bis zum Banner der Arbeit. Viele Werktätige, merkt das Buch an, hätten sich "in Briefen und Grußadressen für schöne, emotionale Konzerte" bedankt.
Siegfried Anders hat fast alle dieser Konzerte mitgestaltet. Als 1945 sangesfreudige Bergsteiger, die nicht in das NS-Regime verstrickt waren, zur Wiederbelebung des Chores aufgerufen wurden, trat der 16-Jährige ein. Heute ist der Bass das dienstälteste Mitglied im Ensemble, das noch immer nach Kurt Schlosser benannt ist. "Es gab keine Veranlassung, das zu ändern", sagt Anders, "der Mann hat schließlich sein Leben gegen den Krieg eingesetzt." Ein Antrag, den Chor umzutaufen, erhielt 1990 nur eine einzige Ja-Stimme. Laut Satzung steht der Chor auch 15 Jahre später zu seiner Vergangenheit. Wer Mitglied in dem inzwischen in Form eines Vereins organisierten Ensemble wird, bekennt sich ausdrücklich zu antifaschistisch-demokratischen Idealen; der Chor sei zwar nicht parteigebunden, aber auch nicht unpolitisch, heißt es. Im Internet-Auftritt wird erwähnt, dass man die "Dresdner Friedensaktion" unterstützt. Die Gesinnung soll sich zudem im Repertoire spiegeln: Gepflegt werden solle neben dem Heimat- und Berg- auch das Arbeiterlied. Freilich: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt es manchmal Lücken, räumt Anders ein. Während auf einer im DDR-Label "Eterna" erschienenen Platte mit dem Titel "Bergfreundschaft" noch eine ganze Seite mit Kampfliedern gefüllt wurde, wird jetzt nur noch mit dem Berg gekämpft: "Steilen Wänden zu genügen und sich selber nicht betrügen, das ist unser höchstes Glück", heißt es in einem Lied. Arbeiterlieder jeglicher Art sind weitgehend aus dem Programm verschwunden. Sie seien "in die zweite Reihe gerückt", sagt ein Vorstand, der auf die Publikumswünsche verweist: "Viele wollen das nicht mehr hören." Das ist ein gewichtiges Argument in Zeiten, in denen die Chormitglieder für Konzerte nicht mehr vom Betrieb freigestellt und für die Tourneen keine Reichsbahn-Waggons mehr bereitgestellt werden. Stattdessen müssen Proberäume oder die Chorkleidung, zu der neben Kniebundhosen auch rote Socken gehören, aus eigenen Erlösen bezahlt werden. Ein schwieriges Geschäft, weiß Siegfried Anders, der sich trotzdem manchmal wünschte, das eine oder andere Lied aus der Tradition der Arbeiterkultur im Programm zu finden: "Es muss eine Verbindung zum Namen und zur Tradition geben", sagt er, "wir heißen ja nicht Wald- und Wiesenchor."
Im Probenraum des Kulturpalastes haben sich die Sänger inzwischen über Wald und Wiesen empor gesungen – mit leichter Hand geführt von Werner Matschke, der dem Bergsteigerchor 30 Jahre lang als künstlerischer Leiter vorstand und dessen Wirken viele Sänger die heutige Qualität anrechnen. "Als ich anfing, waren wir singende Bergsteiger", sagt Anders, "heute sind wir Künstler." Was nicht heißt, dass an einzelnen Passagen nicht lange gefeilt werden müsste. "Der ganze Kerl singt, nicht nur der Kopf", ruft Matschke launig den Bässen zu, während er die Einsätze vorgibt. Die "ganzen Kerle" folgen. Vom langjährigen Chorleiter, der den Platz am Chefpult kürzlich räumte, ist der Satz überliefert, wonach ein gemischter Chor eine anspruchsvolle Angelegenheit und ein Frauenchor eine Herausforderung, die "hohe Schule" aber ein Männerchor sei. Nach zwei Stunden ist die Luft in dem engen Raum verbraucht. In den Liedern dagegen sind die Niederungen des Alltags kein Thema. "Vieles kann am Berg verschwinden, was wir unten riesig finden", heißt es in einem Text: "Darum will ich aufwärts gehen – um mich selber zu verstehen."
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